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ToggleWarum ich meine besten Momente immer wieder vergesse
Die Idee zum Schreiben über „Sternstunden“ ist mir in einem autobiografischen Schreibworkshop gekommen, in dem wir die Aufgabe bekamen, über „peak experiences“ zu schreiben. Nach zehn Minuten Überlegen saß ich mit zwei Punkten auf der Liste da. Das fand ich für gut ein halbes Jahrhundert Leben, ehrlich gesagt, etwas dürftig.
Mir ging dann auf, dass ich einfach zu wenig darin geübt bin, das Gute aufzuschreiben. Das, was blöd war und ist, was mich an mir stört, diese Liste kann ich zeitlich geordnet und nach Lebensbereichen sortiert herunterrattern, wenn ich nachts um drei geweckt werde. Aber das Schöne? Die Momente, in denen ich richtig stolz auf mich war? In denen mir die Kinnlade vor Staunen heruntergeklappt ist? … Hui… Da ging es echt ans Überlegen.
Das Ganze hat dazu geführt, dass ich mir darüber so einige Gedanken gemacht habe. Und die teile ich in diesem Blogbeitrag.
Ich kann nichts dafür!
Die erste Erkenntnis: Ich kann nichts dafür, mein Hirn ist schuld. Und das ist nicht mal eine faule Ausrede. Für meine Hirnkonfiguration aus der Steinzeit kann ich wirklich nichts. Damals war es sehr sinnvoll, vor allem auf das Negative zu achten und sich zu merken, wo es gefährlich war. Denn diese Gefahren waren ziemlich häufig tödlich. Jetzt kommt nicht der Säbelzahntiger als Argument. Der Mensch war dem Menschen schon immer die größte Gefahr. Und damals war es eben der Ausschluss aus der Gruppe, der kaum zu überleben war. Niemand konnte damals alleine überleben. Aber ich schweife ab …
Mein Steinzeithirn lügt mich an
Der Punkt ist: In den Höhlen der Steinzeit war es verdammt wichtig genau zu wissen, was gefährlich ist und was nicht. Unser Hirn hat in den letzten 20.000 Jahren leider kein ordentliches Update bekommen, und so müssen wir uns mit einem Schädelorgan herumschlagen, das eine ganze Sammlung kognitiver Verzerrungen oder Fehler mit sich herumschleppt.
Das führt dazu, dass wir die Wirklichkeit nicht so wahrnehmen, wie sie ist, sondern so, wie unser Hirn sie interpretiert.
Eine wilde Mischung aus angeborenen Instinkten, Sozialisation („Das wird bei uns genau so gemacht und nicht anders!“), Sinneswahrnehmungen, Erfahrungen und Emotionen führen dazu, dass unsere Entscheidungen nicht immer gut zur Realität passen. Wir aber sind felsenfest davon überzeugt, dass es „wirklich“ so ist, wie wir denken.
Zurück zu den besten Momenten
Eine dieser Verzerrungen ist der Negativitäts- Bias: Wir neigen dazu, Risiken und Gefahren mehr Aufmerksamkeit zu schenken und uns stärker von negativen Ereignissen beeinflussen zu lassen als von positiven. Dies kann zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität führen und uns davon abhalten, Chancen zu erkennen und zu nutzen. Und zu einem miesen Lebensgefühl kann es auch noch führen.
Deborah Ross beschreibt das in “Your brain on Ink” so:
“Unser Gehirn ist wie Teflon für das Gute und wie ein Klettverschluss für das Schlechte und Nachteilige.”
Nutze deinen freien Willen und schreibe
Da wir als Menschen glücklicherweise mit Vernunft und freiem Willen ausgestattet sind, sind wir unserer Steinzeit-Verdrahtung nicht hilflos ausgeliefert. Wir können uns bewusst dafür entscheiden, das mentale Teflon etwas zu zerkratzen und dafür zu sorgen, dass das Gute auch im Gedächtnis haften bleibt.
Journaling ist da natürlich eine der besten Methoden überhaupt dafür. 😉
Was sind „Sternstunden“?
Eine Sternstunde ist ein Höhepunkt in deiner Lebensgeschichte — vielleicht der Höhepunkt überhaupt. Es ist ein Moment oder eine Episode, in der du außergewöhnlich positive Gefühle erlebt hast: Freude, Begeisterung, Beseeltheit, Staunen, tiefes Glück, ein Gefühl von Aufbruch oder sogar große innere Stille und Gelassenheit.
Dieser Moment sticht in deiner Erinnerung als einer der schönsten, bedeutsamsten und unvergesslichsten Augenblicke deines Lebens heraus. Dieser Moment hat geprägt, wer du bist und wie du durch dein Leben gehst.
Geht’s nicht auch eine Nummer kleiner?
Sternstunden sind die ganz, ganz großen positiven Momente. Es gibt daneben auch noch viele weitere kleinere Höhepunkte. Ich nenne sie „Sternschnuppenmomente“. Sie sind auch außergewöhnlich und stechen aus dem Alltag heraus. Sie besitzen dieselben Qualitäten wie die Sternstunden, eben auf einem etwas kleineren Level. Sie waren beeindruckend, haben aber dein Leben nicht so stark beeinflusst. Sie sind eben nicht deine persönliche Heldengeschichte.
Ein Sternschnuppenmoment kann ein Gespräch sein, das dich unerwartet berührt hat. Ein Abend, der einfach gut war. Ein Moment, in dem du gedacht hast: So will ich mich öfter fühlen.
In der Erinnerung glühen sie auf und bereiten Freude. Auch diese Momente lohnt es sich zu sammeln. Sie sind auch einfacher zu finden wie die Sternstunden.
Anschreiben gegen das Verzagen
Sternstunden und Sternschnuppen verschwinden aus unserem aktiven Gedächtnis, wenn wir uns nicht regelmäßig an sie erinnern. Sie verschwinden, weil wir sie nicht festhalten, weil sie vom Teflon abrutschen. Ganz automatisch. Und weil wir sie nicht festhalten, glauben wir irgendwann, es gäbe sie kaum.
Und dann kleben uns die Nachrichten über das Weltgeschehen und unser Alltag den Klettverschluss mit allerlei Schwerem, unglaublichen Aufregern und Missgeschicken voll. Als Resultat glauben wir, dass die Welt nur noch düster und grau ist. Und wir fühlen uns auch noch hilflos dabei.
Wenn wir uns aktiv auch an das Schöne erinnern, stellen wir uns diesen Gefühlen entgegen. Das bedeutet nicht, dass wir uns die Welt schönreden und uns widerstandslos in alles fügen. – Ein Denkfehler, dem ich auch lange aufgesessen bin! – Es bedeutet, dass wir wahrhaftig das berichten, was auch noch da ist. Das, was gut läuft, das, was Hoffnung macht und uns trägt.
Denn wenn wir nur auf unsere Probleme schauen, lösen wir sie nicht besser – wir erschöpfen nur schneller unsere Ressourcen. Und dann haben wir keine Kraft mehr, etwas zu verändern.
Journaling verändert was
Das Schöne in den Tagen nach dem Schreibworkshop war, dass die Archivare im Hirn den Auftrag verstanden hatten und mir immer mal wieder schöne Erinnerungen ins Bewusstsein schickten. Sowas unerwartet, mitten im Alltag, ist etwas sehr Berührendes und Schönes.
Inzwischen ist meine Liste ziemlich lang und es fühlt sich verdammt gut an, darauf zu schauen. Ein toller Reminder, dass nicht alles mies ist oder war. Eine Liste, die meine Hoffnung wieder aufleben lässt.
Frühlingsschreibcafé 2026
Wenn du Lust bekommen hast, auch über das Positive in deinem Leben zu schreiben, hast du in drei aufeinanderfolgenden Frühlingsschreibcafés die Möglichkeit dazu.
Frühlingsschreibcafé #2
"Das war das Schönste - meine Sternstunden"
Wir schreiben über die Momente oder Erlebnisse in deinem Leben, die dich zum Staunen gebracht haben oder in denen dir etwas ganz Wunderbares passiert ist. Vielleicht hast du ein lang ersehntes Ziel erreicht. Ein Konzert oder ein Gespräch, das dich geprägt hat. Sternstunden können alles Mögliche sein.
Dienstag, 31.März 2026
18:30 – 19:30 Uhr
Frühlingsschreibcafé #3
"Danke, dass es dich gibt - Lieblingsmenschen"
In diesem Schreibcafé recherchieren wir nach den Menschen, die unser Leben bereichert haben. Sei es, weil sie uns eine bestimmte Weltanschauung vorgelebt haben oder in schwierigen Zeiten für uns da waren. Vielleicht gab es eine Mentorin oder einen Mentor? Vielleicht auch ein prominentes Rollenvorbild, das du noch nie getroffen hast.
Mittwoch, 8.April 2026
18:30 – 19:30 Uhr
Frühlingsschreibcafé #4
"Serendipity - von glücklichen Zufällen"
Nicht immer sind es Leistung und Zielstrebigkeit, die uns Wunderbares ins Leben bringen. Sondern eben „Serendipity“ – der glückliche Zufall. Wenn wir uns damit eingehender beschäftigen, erkennen wir vielleicht, dass wir „dem Leben“ oder „dem Schicksal“ mehr vertrauen könnten. Dadurch können wir bereit dafür werden, etwas Kontrolle loszulassen und mehr Leichtigkeit in unser Leben zu holen.
Freitag, 17.April 2026
18:30 – 19:30 Uhr


Claudia