Journaling Rückblick

Serendipity – oder: Du weißt nie, was dein Leben formen wird

Apothekerinnen glauben nicht an Glück. Sie glauben an kontrollierte, gut vorhersehbare Ursache-Wirkungs-Ketten. Du nimmst ein Aspirin, dein Kopfschmerz verschwindet. Du machst einen Plan, setzt ihn um, und voilà – du kommst ans Ziel. Alles, was planbar ist, ist gut!

Ich war im ersten Beruf Apothekerin und vor gut zehn Jahren bin ich über eine Erkenntnis gestolpert, die nicht zu meinem Training passte. Mir war aufgefallen, dass ich mein Leben so wie es war, nicht detaillierter Planung und Umsetzung verdankte, sondern zu einem großen Teil völlig unerwarteten, nie geplanten Einflüssen. Natürlich hatte ich damals nachgezählt, wie viele der wirklich wichtigen Dinge in meinem Leben ich geplant hatte. Die Liste war kürzer als erwartet. Viel kürzer. Beispiel gefällig?

Klingt herrlich dramatisch, oder? – Oh, diesen Satz wollte ich schon so lange schreiben. Und es ist mir wirklich genauso passiert.

Sommer 2011 – ich sitze auf meinem Balkon und lese einen Artikel im RED-Magazin mit dem Titel „One woman, one overcrowded wishlist“ – also „Eine Frau, eine überfüllte Wunschliste“. Es geht um Barbara Shers Buch „Refuse to Choose“ – und ich spüre, wie mich eine Welle der Aufregung erfasst. DAS BIN ICH! DIESES BUCH HANDELT VON MIR! Ich bestelle es sofort, lese es mehr oder weniger in einem Rutsch durch und erfahre alles über das Scanner-Dasein. Dann lege ich es wieder zur Seite. Nicht so wichtig. Das echte Leben wartet. Aber irgendetwas hatte bereits angefangen…

Und wie kam dieses Magazin überhaupt in meine Hände? Ich musste erst Apothekerin werden, dann anfangen Trainings zu geben, aufhören in Apotheken zu arbeiten, als Trainerin in ein Unternehmen wechseln, Schulungen in Großbritannien durchführen, irgendwann um 2009 am Flughafen Manchester ein RED-Magazin kaufen, es mögen, weitere Reisen nach Großbritannien machen, mehr Ausgaben kaufen, dann nicht mehr für Trainings nach UK fahren, beschließen, dieses britische Magazin zu abonnieren – und dabei meine innere Stimme überstimmen, die fragte: „Warum dieser Luxus? Sind dir die deutschen Zeitschriften nicht gut genug?“ – und schließlich die September-Ausgabe 2011 als allererste meines Abonnements erhalten.

Hätte ich mich nur ein paar Tage später zum Abonnement entschlossen, hätte ich den Artikel nicht gelesen, das Buch nicht gelesen, es nicht wieder vergessen, wäre nicht erneut daran erinnert worden, hätte keinen ersten Barbara-Sher-Workshop 2013 in Köln gebucht, keine verrückte Entscheidung getroffen, zum Scanner-Retreat nach Frankreich zu fahren, und die noch verrücktere, auch noch die Coaching-Masterclass bei Barbara zu machen.

Wenn ich mir die Kette an Unwahrscheinlichkeiten ansehe, die mich zu diesem Artikel – und zu allem, was folgte – geführt hat, muss ich sagen: Ich würde die Geschichte nicht glauben, wenn ich sie irgendwo lesen würde. Aber sie ist mir passiert – der Apothekerin, die alles ganz genau durchplant. Immer!

Die Wirkung war nicht von heute auf morgen sichtbar, aber das Lesen dieses Artikels hat eine Entwicklung in Gang gesetzt, die dazu geführt hat, dass ich Barbara-Sher-Life-Coach wurde und alles andere danach.

Die Illusion der Kontrolle

Ich war vor allem darauf trainiert, Dinge zu steuern. Mir Ziele zu setzen, Schritte zu planen, nachzuhaken. Das hat seinen Platz – ich sage das nicht als jemand, der Planung für überbewertet hält. Im Gegenteil: Ich liebe es zu planen! – Aber diese Haltung macht blind für das, was einem zufällt, wenn man nicht so verbissen nach vorne schaut. Serendipity – das englische Wort für den glücklichen Zufall, braucht eine bestimmte Art von Aufmerksamkeit. Eine, die nicht schon weiß, was sie sucht. Eine die, Ungewissheit aushält.

Dass sich alles irgendwie fügt, mag einfach wunderbar erscheinen. Aber es liegt noch etwas unter der „Sei einfach dankbar dafür“-Ebene: Es braucht die Kraft, anzuerkennen und auszuhalten, dass das Unkontrollierbare viel Einfluss auf mein Leben hat – im Guten, wie im Schlechten. Ja, ich könnte scheitern, obwohl ich alles „richtig“ mache, weil mir der unglückliche Zufall dazwischen funkt. Und auch JA! Ich könnte viel erreichen, weil mir der glückliche Zufall in die Karten spielt. Lebensrealität ist beides gleichzeitig! – Okay, jetzt tief durchatmen. Einatmen – ausatmen. [Wiederholen, so oft wie nötig.]

Offen sein für das Gute

Als ich damals weiter darüber nachdachte, wie der glückliche Zufall mein Leben geprägt hatte, fand ich noch mehr solcher Beispiele – im Privaten wie im Beruflichen. Und auch aus den letzten Jahre fallen mir einige dieser Geschichten ein. Da gibt es Menschen, die mir zufällig über den Weg gelaufen sind und denen ich eine erneute großartige Richtungsänderung verdankte. Momente, wo ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.

Ja, es gab auch die anderen negativen Zufälle. Wenn wir über unser Leben schreiben und immer diese aufschreiben, beklagen und bearbeiten, kann das sehr nützlich sein. Aber wenn wir uns darauf beschränken, verlieren wir einen wichtigen Lieferanten für Zufriedenheit und ein positives Lebensgefühl. Und es ist auch nicht ganz ehrlich, es ist einfach das, was unser Hirn als Standardeinstellung mitbringt.

Wir glauben gerne, dass Leistung und Zielstrebigkeit uns zu den guten Dingen bringen. Oft stimmt das. Aber manchmal war es einfach das Leben, das uns etwas zugeworfen hat. Unverhofft. Unplanbar. Etwas, das wir uns vielleicht gar nicht getraut hätten, uns zu wünschen.

Wir können nicht kontrollieren, was uns passiert. Zum Guten wie zum Schlechten. So beängstigend das ist – es bedeutet auch, dass wir an Orte gelangen können, die weit besser sind als alles, was wir uns ursprünglich vorgestellt hätten.

Was wir dafür können müssen: Offen sein für das Unerwartete. Diesen Kontrollverlust zulassen. Und sich dadurch an Orte führen zu lassen, von denen wir nicht einmal wussten, dass wir sie ansteuern wollten. Beängstigend? Schwierig? Wahrscheinlich! Und am Ende hofentlich die Mühe wert. Serendipity sei Dank! 

Was das Aufschreiben zeigt

Du machst dir durch Aufschreiben bewusst, was alles durch glückliche Zufälle -und dein „Ja“ dazu- in dein Leben gekommen ist. Dadurch kannst du erkennen, dass Dinge gut gelaufen sind, ohne dass du alles unter Kontrolle hattest. Stattdessen warst du offen, neugierig und couragiert genug, um diese unerwartete Gelegenheit wahrzunehmen und zu nutzen.

Deine glücklichen Zufälle zu kennen, kann so mehr Leichtigkeit in dein Leben bringen.

Komm mit auf die Suche

Beim nächsten Frühlings-Schreibcafé tun wir genau das: Wir recherchieren in unseren eigenen glücklichen Zufällen. Welche Momente haben dein Leben verändert, ohne dass du es geplant hattest? Was ist dir zugefallen, einfach so, ohne dein Zutun? Wann warst du zur richtigen Zeit am richtigen Ort?

Frühlingsschreibcafé #4 – „Serendipity – von glücklichenZufällen

Freitag, 17. April · 18:30 Uhr · Online via Zoom

Recommended Articles

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

[instagram-feed]